Der GR20 gilt oft als der härteste Fernwanderweg Europas. Seine südliche Hälfte, von Vizzavona nach Conca, hat den Ruf, sanfter zu sein als der Norden: weniger nackter Fels, weniger ausgesetzte Passagen, geringere Höhen. Doch sanfter heißt nicht leicht. Die Anstiege bleiben beträchtlich, manche Etappen sind lang, und die Sommerhitze kann brutal sein.
Der Südabschnitt durchquert sehr abwechslungsreiches Gelände: die Buchen- und Kiefernwälder von Vizzavona, die Hochebenen des Cuscionu, das Granitchaos von Bavella, dann die duftende Macchia, die zum Meer hinabführt. Das tiefe Korsika im Kleinen, fern der Strände und der Menschenmengen.
Warum der Süden statt des Nordens? Die Südhälfte eignet sich für Wanderer ohne technische Bergerfahrung. Es gibt weniger mit Ketten und Geländern gesicherte Abschnitte, und die Höhen sind geringer — höchstens 2 134 Meter am Monte Incudine. Rechnen Sie mit sieben klassischen Etappen oder fünf bis sechs Tagen für geübte Geher.
Vizzavona (920 m) → Capannelle (1 586 m)
Die erste Etappe des GR20 Süd, der Übergang von der Nordhälfte. Der Weg verlässt den Wald von Vizzavona und durchquert Buchen- und Laricio-Kiefernwälder mit guten Wasserstellen an der Bocca Palmente. Der Untergrund ist gut markiert und gleichmäßig. Sie steigen sanft zur Hochebene von Capannelle auf, im Winter ein Skigebiet, mit freiem Blick auf den Monte Renoso und seine letzten Schneefelder.
Nahe der Bocca Palmente gibt es eine Wasserstelle. Verlassen Sie Vizzavona früh: Die Etappe ist lang und die Hitze im offenen Gelände gegen Ende erbarmungslos.
Capannelle (1 586 m) → Prati (1 820 m)
Die längste Etappe des GR20 Süd. Der Weg quert zunächst die Hochebene von Capannelle, bevor er stetig zu den Graten ansteigt. Er führt über den Col de Verde (1 289 m), der mit dem Auto erreichbar ist und als Versorgungspunkt dienen kann. Dann ein langer Anstieg zur Hütte Prati, oben auf dem Grat gelegen. Ein außergewöhnlicher Blick auf beide Seiten Korsikas.
Der Col de Verde, etwa beim achten Kilometer, ist der einzige Straßenzugang dieser Etappe: Dort können Sie Gepäck abholen oder sich versorgen. Der Schlussanstieg nach Prati ist anhaltend — halten Sie Kräfte zurück.
Prati (1 820 m) → Usciolu (1 750 m)
Eine spektakuläre Gratetappe — Sie gehen auf dem Kamm selbst, mit 360°-Blick auf beide Seiten der Insel. Abwechslungsreicher Untergrund, felsige Passagen, einige technische Abschnitte. Sie erreichen die Bocca l'Aghone, bevor es zur Hütte Usciolu hinabgeht, die in der Macchia liegt.
Kurz in der Distanz, aber körperlich fordernd. Die windexponierten Grate können anstrengen: Nehmen Sie auch im Sommer eine Windjacke mit.
Usciolu (1 750 m) → Matalza / I Croci (1 430 m)
Die sanfteste Etappe des GR20 Süd. Der Weg quert die große Hochebene des Cuscionu — offenes, fast mondartiges Gelände zwischen 1 600 und 1 700 Metern. Hirtenhütten, Herden, Bergflora. Ein gleichmäßiger Abstieg zu den Hütten von I Croci oder Matalza, je nach Etappeneinteilung.
Die Hütten von I Croci sind der Favorit der GR20-Süd-Stammgäste — reservieren Sie im Voraus. Ein Hüttenschlafsack ist in jedem Schlafsaal ratsam, einfach zur Vorsicht.
Matalza (1 430 m) → Asinau (1 536 m)
Die Etappe wird bestimmt vom Aufstieg zum Monte Incudine (2 134 m), dem höchsten Punkt des GR20 Süd und einem der schönsten Gipfel Südkorsikas. Die alpine Variante führt bis auf den Gipfel, mit 360°-Blick über die ganze Insel bei klarem Wetter. Danach hinab in den Wald von Asinau, jahrhundertealte Laricio-Kiefern, von einem Bach durchzogen.
Die Variante über den Monte Incudine kostet etwa eine Stunde mehr und lohnt sich bei gutem Wetter sehr. Bei Gewitter meiden: Der Gipfel ist stark exponiert.
Asinau (1 536 m) → I Paliri (1 055 m)
Die spektakulärste Etappe der Strecke. Der Weg steigt zum Col de Chiralba (1 743 m) an, bevor er den Col de Bavella (1 218 m)erreicht, den ikonischen Aussichtspunkt auf die Nadeln. Die alpine Variante der Nadeln ist sehr zu empfehlen: Sie verläuft am Fuß der Granittürme durch ein beeindruckendes Felschaos, mit einigen mit Geländern gesicherten Abschnitten. Danach hinab durch die Kiefern zur Hütte I Paliri.
Die zeitlich längste Etappe. Verlassen Sie Asinau früh. Die alpine Variante ist unverzichtbar, verlangt aber Konzentration und gute Schuhe — nichts für nasses Wetter.
I Paliri (1 055 m) → Conca (252 m)
Die letzte Etappe — und trotz ihres abfallenden Profils nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Einige steile Anstiege, bevor es in mediterrane Vegetation hinabgeht: Olivenbäume, Macchia, Korkeichen. Bei der Annäherung an Conca erblicken Sie endlich das Meer und die Dächer des Dorfes. Das Zielschild des GR20 zu erreichen ist ein echter Moment, nach 90 Kilometern und Tagen der Anstrengung.
So müde Sie auch sind, bleiben Sie aufmerksam: Einige Abschnitte sind noch steil. Die Quelle auf halber Strecke liegt etwas abseits des Weges — nehmen Sie ab dem Morgen genug Wasser mit.
Die sieben Etappen auf einen Blick
| Etappe | Strecke | Distanz | D+ | D− | Dauer | Schwierigkeit |
|---|---|---|---|---|---|---|
| 10 | Vizzavona → Capannelle | 14–16 km | +900 m | −225 m | 5 Std. 15 | Mittel |
| 11 | Capannelle → Prati | 17 km | +890 m | −600 m | 6 Std. 10 | Schwer |
| 12 | Prati → Usciolu | 10,5 km | +700 m | −750 m | 5 Std. 45 | Mittel |
| 13 | Usciolu → Matalza | 10,5 km | +400 m | −650 m | 4 Std. 25 | Leicht |
| 14 | Matalza → Asinau | 10 km | +650 m | −550 m | 4 Std. 15 | Schwer |
| 15 | Asinau → I Paliri | 15 km | +440 m | −900 m | 7 Std. 00 | Schwer |
| 16 | I Paliri → Conca | 12 km | +160 m | −970 m | 5 Std. 00 | Mittel |
| Gesamt | Vizzavona → Conca | ~90 km | +4 690 m | −5 380 m | ~38 Std. | — |
Praktische Hinweise
Beste Zeit
Juni und September: angenehme Temperaturen, freie Wege. Im Juli und August ist die Hitze in der Höhe intensiv und die Hütten sind voll. Meiden Sie Mai (mögliche Schneefelder) und Oktober (unsichere Bedingungen).
Mit dem Zug nach Vizzavona
Der Zug von Ajaccio nach Vizzavona ist die ideale Lösung: rund 11 €, direkt, kein Auto nötig. Der „Trinighellu“ hält direkt am Einstieg des GR20.
Unterkunft und Reservierung
Drei Möglichkeiten in den Parkhütten: ein Platz im Schlafsaal, ein vor Ort gemietetes Zelt (dünne Matratze inklusive) oder ein Stellplatz für das eigene Zelt. Im Juli und August ist die Reservierung über die Website des Parks unerlässlich. Private Hirtenhütten werden direkt gebucht.
Unverzichtbare Ausrüstung
Ein leichter Schlafsack, knöchelhohe Schuhe, Stöcke, eine Windjacke, Sonnencreme mit Lichtschutzfaktor 50, mindestens zwei Liter Wasser, IGN-Karten 1:25 000 (4250OT, 4252OT, 4253OT, 4254OT). Und eine Powerbank: Oft gibt es nur eine Steckdose pro Schlafsaal.
Budget
Eine Nacht in einer Parkhütte: rund 18 € mit eigenem Zelt, 25 € im gemieteten Zelt, 28 € im Schlafsaal. Halbpension: 40–50 €. Gesamtbudget über sieben Tage: 350–500 € pro Person, ohne Anreise.
Wasserstellen
Quellen sind entlang der gesamten Strecke markiert, doch ihre Schüttung schwankt mit der Jahreszeit. Nehmen Sie beim Verlassen jeder Hütte immer zwei Liter mit — manche auf den Karten verzeichneten Quellen sind im August trocken.